28 Juli, 2026

„Ja zum Leben sagen!“ – Öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Larysa Didkovska und Abschluss des akademischen Jahres 2025/26

Am 27. Juli schloss die Rektorin der Ukrainischen Freien Universität, Prof. Dr. Larysa Didkovska, das akademische Jahr mit einem öffentlichen Vortrag ab. Die Veranstaltung war weit mehr als ein Rückblick auf das vergangene Studienjahr – sie wurde zu einem tiefgehenden psychotherapeutischen und existenziellen Spiegel für alle Anwesenden.

In einer Zeit globaler Unsicherheit, in der Krieg, erzwungene Migration und der Verlust von Kontrolle vertraute Orientierungspunkte erschüttern, stellt sich eine zentrale Frage: Wie können wir zum Leben „Ja“ sagen – selbst dann, wenn das Leben unter extremen Bedingungen kaum erträglich erscheint?

Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Gedanken und Impulse dieses besonderen Abends – Anregungen, die uns in das neue akademische und persönliche Jahr begleiten können.

1. Die Grundlage psychischer Gesundheit: Anpassungsfähigkeit und Realitätsbewusstsein

Prof. Didkovska erinnerte an zwei grundlegende Voraussetzungen seelischer Gesundheit, die unser gesamtes Leben prägen.

Anpassungsfähigkeit

Die Fähigkeit, sich einer Welt anzupassen, die sich ständig verändert und nur selten unseren Erwartungen entspricht. Wer so tut, als gäbe es keine Wunde, verliert den Kontakt zur Realität. Wahre Stärke liegt nicht in der Illusion vollständiger Kontrolle, sondern in der Entwicklung innerer Ressourcen, die es ermöglichen, auch schwierige Lebensphasen zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen.

Realitätsbewusstsein

Psychische Stabilität bedeutet, die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie ist. Dazu gehört sowohl das Bewusstsein der eigenen Stärken als auch die ehrliche Anerkennung der eigenen Grenzen. Dieses Realitätsbewusstsein schützt vor zwei Extremen: vor narzisstischer Selbstüberschätzung ebenso wie vor Katastrophendenken.

„Das Leben wird nicht geradlinig sein. Das Leben wird schwierig sein. Entweder verfügen wir über die Ressourcen, uns daran anzupassen – oder es wird uns brechen.“

2. Das „Jackpot“-Phänomen und der Kampf um Sinn

Viele Ukrainerinnen und Ukrainer erleben heute mehrere der schwersten Belastungen gleichzeitig: Krieg, Flucht, den Verlust sozialer Bindungen und vertrauter Lebensrollen.

Wenn bisherige Sinnsysteme zusammenbrechen und neue erst entstehen, wird der Krieg zu einer schonungslosen Prüfung unserer Werte. Äußerlichkeiten verlieren ihre Bedeutung – Statussymbole, Besitz oder gesellschaftliche Rollen treten in den Hintergrund. Übrig bleibt das Wesentliche: das Leben selbst.

Vielleicht erklärt gerade dies die außergewöhnliche Lebensbejahung vieler verwundeter ukrainischer Soldatinnen und Soldaten. Wer schwer verletzt überlebt, erlebt jeden weiteren Tag als kostbares Geschenk und gewinnt eine neue Perspektive auf das Leben.

3. Die Biochemie der Erschöpfung und die Kultur der Regeneration

Seit Jahren leben wir in einem Zustand permanenter psychischer Anspannung. Doch der menschliche Organismus ist keine unerschöpfliche Maschine. Auf jede Phase intensiver Mobilisierung muss eine Phase der Erholung folgen.

Die Psyche braucht Entschleunigung. Wer sich keine bewussten Zeiten der Erholung gönnt – durch Erholung, Alltagsrituale, Bewegung, ausreichend Schlaf oder die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse –, wird früher oder später vom Körper dazu gezwungen: durch psychosomatische Beschwerden, Krankheit oder Verletzungen.

Ebenso wichtig ist der Kontakt zur Realität. Ein Leben, das ausschließlich von Wunschvorstellungen oder überhöhten Erwartungen geprägt ist, endet zwangsläufig in Enttäuschung. Die Wirklichkeit nüchtern wahrzunehmen, ohne sie zu beschönigen oder zu dramatisieren, hilft dabei, innere Stabilität zu bewahren.

Auch unterdrückte Gefühle benötigen einen sicheren Ausdruck. Methoden wie das Schreiben eines „Wutbriefes“, in dem Ärger und Schmerz ungefiltert formuliert werden dürfen, können helfen, emotionale Spannungen abzubauen und psychische Energie freizusetzen, ohne Beziehungen zu belasten.

4. Die Kraft der eigenen Handlungsmöglichkeiten und der Gemeinschaft

Es gibt Dinge, die wir beeinflussen können, und solche, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Der Versuch, alles kontrollieren zu wollen, führt unweigerlich zu Angst und Ohnmacht.

In Anlehnung an das bekannte Gelassenheitsgebet lenkte Prof. Didkowska den Blick auf das, was heute tatsächlich in unserer Hand liegt:

die eigene Haltung gegenüber unveränderbaren Umständen,
vertraute Routinen, die Stabilität im Alltag schaffen,
sowie die Gemeinschaft.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Geteiltes Leid wird leichter, geteilte Freude größer. Gegenseitige Unterstützung, ehrenamtliches Engagement und das gemeinsame Eintreten für gemeinsame Werte schenken Kraft und Hoffnung.

Feierliche Ehrungen und ein würdiger Abschluss

Ein besonders bewegender Moment der Veranstaltung war die Würdigung des Engagements der Ukrainischen Freien Universität für die Unterstützung der Ukraine.

Der Volontär Oleksandr Fastivshchuk überreichte der Rektorin Prof. Dr. Larysa Didkovska feierlich eine Dankesurkunde sowie die Ehrenauszeichnung „Kreuz der Ehre“. Auch das Team der Ukrainischen Freien Universität wurde für seinen unermüdlichen Einsatz und seine Solidarität ausgezeichnet.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete die ukrainische Nationalhymne, vorgetragen von der Künstlerin Oksana Stebelska.

Seit über hundert Jahren im Dienst der ukrainischen Wissenschaft

Seit mehr als einem Jahrhundert steht die Ukrainische Freie Universität für die außergewöhnliche Resilienz der Ukraine. Trotz der Herausforderungen zweier Weltkriege sowie tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen erfüllt sie bis heute ihre Mission: die ukrainische Wissenschaft, Kultur und Identität zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Wir danken der Rektorin Prof. Dr. Larysa Didkovska, allen Lehrenden, Studierenden sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern – vor Ort und online – für dieses tiefgründige, aufrichtige und lebensnahe Gespräch. Gemeinsam haben wir einen Raum geschaffen, der Kraft schenkt und Mut macht. Gerade in solchen Räumen wächst unsere Fähigkeit, der Zukunft mit Zuversicht zu begegnen.

Schwierige Zeiten bringen starke Menschen hervor.

Vielen Dank für dieses akademische Jahr! Bewahren Sie Ihren inneren Kompass, achten Sie auf Ihre Ressourcen und bleiben Sie Gestalterinnen und Gestalter Ihres eigenen Lebens.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im neuen Studienjahr!

 

Autorin des Beitrags: Dr. Liliia Bondarenko

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