Die Freie Universität in München, auf die die Ukraine stolz sein sollte

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Die Freie Universität in München, auf die die Ukraine stolz sein sollte

Unter ungewöhnlichen Bedingungen wegen der Corona-Pandemie erfolgte vor kurzem die Jahresversammlung der Mitglieder der Stiftung der Ukrainischen Freien Universität Diese Umstände bestimmten auch die ungewöhnliche Form der Versammlung: Sie wurde als Telekonferenz durchgeführt, wie berühmter ukrainischer Rechtswissenschaftler, Aktivist in den USA und der ukrainischen Diaspora der Welt, aktiver Autor der Ukrinform in der Rubrik „Blogs“ der Ukrinform mitteilte. Er hielt den Vorsitz der Versammlung, bei der eine ganze Reihe von Fragen zur aktuellen Tätigkeit und den Perspektiven der Ukrainischen Freien Universität besprochen wurde. Vor allem ging es um die finanzielle Versorgung der UFU, was letztlich die Aufgabe der Stiftung ist. Es wurde auch thematisiert, dass die Universität in einigen Monaten ihr hundertjähriges Bestehen feiern wird und dass entsprechende Vorbereitungen getroffen werden sollen.

Erzwungene Umzüge

In der hundertjährigen Geschichte der Ukrainischen Freien Universität hat es nie an außergewöhnlichen Bedingungen gemangelt. Beginnen sollte man damit, dass sie für die Ukraine aber außerhalb deren Grenzen gegründet wurde. Dabei musste sie dreimal umziehen.
Der erste Sitz war in Wien. Gerade in der Hauptstadt Österreichs hat im Januar 1921 eine Gruppe aus berühmten Professoren im erzwungenen Exil wegen der Verfolgungen der bolschewistischen Regierung ihre Kräfte, Wissen und die pädagogische Erfahrung vereint, um im Ausland eine freie Bildungs- und Forschungseinrichtung zu gründen.

Das Wort „frei“ war nach den Gründern der UFU bestimmend im Namen der Universität. Sie war unabhängig von den Regierungsstrukturen, frei bei der Wahl und der Ausrichtung ihrer Bildungsprogramme und wissenschaftlichen Studien. Darüber hinaus verfügte sie schon am Anfang über einen leistungsfähigen und hoch angesehenen Lehrkörper, zu dem herausragende Akteure der Ukrainischen Volksrepublik und bekannte Professoren aus den ukrainischen Universitäten gehörten.
Hier einige Namen: Mykhailo Hrushevskyi, Oleksandr Oles, Dmytro Antonovych, Volodymyr Kushnir, Stanislav Dnistrianskyi, Oleksandr Kolessa. Hrushevskyi und Antonovych schrieben die Satzung der UFU und Kolessa übernahm die anspruchsvolle Aufgabe, die Universität zu leiten.

Doch die Wiener Periode war ein kurzer abschnitt ihrer Geschichte: Im Mai ging das erste Semester zu Ende und schon im Herbst begann das neue Studienjahr in Prag. Und dafür gab es Gründe. Erstens lebten insbesondere in der Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei die meisten berühmten Migranten aus der Ukraine (darunter übrigens auch der erste Direktor der Ukrinform, ein herausragender ukrainischer Publizist, Philosoph und politischer Aktivist Dmytro Dontsov) Zweitens war die Tschechoslowakei mental näher zu unserer Diaspora. Drittens begrüßten führende Regierungskräfte des Landes, insbesondere der Präsident Tomáš Masaryk, die Universität und unterstützten sie sogar finanziell.

Schon zu Beginn der Prager Periode zählte die UFU 700 Studierende. Sie wurden von berühmten Wissenschaftlern, Politikern und Pädagogen unterrichtet, wie z.B. Dmytro Doroshenko, Dmytro Antonovych, Stepan Smal-Stotskyj, Stepan Rudnytskyj, Ivan Horbachevskyj, Außenminister der UVR Oleksandr Shulhin und andere. Das Studium erfolgte an den zwei Fakultäten: der Philosophischen und der Fakultät für Rechtswissenschaften, und wurde von wissenschaftlichen Studien begleitet.
Doch der Krieg endete alles. Im Mai 1945 haben die sowjetischen Truppen Prag erreicht. Der Rektor der Universität, Präsident der Karpato-Ukraine1939 Avgustyn Voloshyn wurde verhaftet und im Gefängnis zu Tode gefoltert; die Universitätsbibliothek und die Archivsammlungen wurden geplündert und die Lehrenden wurden wieder zu Migranten. 

Münchener Periode der UFU

Doch die Universität überlebte auch das. Sie wurde von München aufgenommen. In der Hauptstadt Bayerns lebten zu der Zeit zahlreiche Migranten aus der Ukraine, darunter auch Wissenschaftler und Lehrende, die sich mit dem Ziel, die Ukrainische Freie Universität wieder aufzubauen, vereint hatten. Diese Idee wurde unter sehr schweren Umständen verwirklicht. Deutschland lag in Schutt und Asche. In den ersten Nachkriegsjahren gab es kaum Kapazitäten frei für eine fremde Universität. Die schwere Aufgabe des Wiederaufbaus übernahm eine Gruppe von herausragenden ukrainischen Wissenschaftlern, Pädagogen und Künstlern: Volodymyr Kubijovych, Oleksandr Kulchytskyj, Ivan Koshelivets, Vadym Scherbakivskyj, Ivan Mirchuk, Yaroslav Rudnytskyj, Oleksa Horbach, Zenon Kuzelia, Nataliia Polonska-Vasylenko. Jeder von ihnen hatte einen schweren Lebensweg geprägt von Kriegen, Verfolgungen, Schwierigkeiten der Migration, doch sie erreichten auch erhebliche Erfolge in Wissenschaft und Bildung, insbesondere im Bereich der Ukrainistik. Gerade ihnen verdanken wir die „Enzyklopädie der Ukrainistik“ («Енциклопедія українознавства»), deren Verfassung Anfang der 50er Jahre V.Kubijovych geleitet hatte.

Schon damals genoss die Ukrainische Freie Universität einen guten Ruf im Westen, wurde von der Bayerischen Landesregierung offiziell genehmigt und erlangte das Recht, den akademischen Titel Dr.habil. zu verleihen, der dem ukrainischen Dr. der Wissenschaften entspricht. Seit 1992 und der Unabhängigkeit der Ukraine werden die Diplome der UFU auch in unserer Heimat anerkannt. Davor war alles umgekehrt: In der Sowjetischen Ukraine galt die Universität in München als eine feindliche Institution, eine Brutstätte des ukrainischen bourgeoisen Nationalismus.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs entdeckten die Ukrainer für sich diese geografisch ferne Universität und ihre wahre Mission und ihre Rolle. Und die lag nicht nur darin, in freien, nicht von den praxisfernen ideologischen Dogmen diktierten Bedingungen die ukrainische Denkweise zu erhalten, unsere Wissenschaft und Bildung zu entwickeln, sondern auch darin, ein angesehener Botschafter der Ukraine in der westlichen Wissenschaft zu sein. 

Ich erlaube mir, einige Kommentare berühmter ukrainischer Geistiger und Künstler, die zu verschiedenen Zeiten an der UFU studierten oder unterrichteten, über die UFU aus der Februar-Ausgabe der „Ukrainischen Woche“ (Український тиждень) aus dem Jahr 2011 anzuführen:

Emma Andijewska, Poetin, Schriftstellerin, Malerin „Ich hatte Glück, denn ich studierte an der UFU (Abschluss 1957), während da die besten ukrainischen Wissenschaftler unterrichteten. Lernen machte mir schon seit meiner Kindheit Spaß, und hier waren noch solche Lehrer, wie z.B. Der fantastische Polyglotte Volodymyr Derzhavyn. Ich lernte Altgriechisch, Sanskrit und an der Philosophischen Fakultät lasen wir und analysierten Sokrates im Original. Ich hatte damals eine Bekannte, die an einer deutschen Universität studierte, und da arbeiteten viel schwächere Lehrende als an der UFU.“ 

Ihor Kachurovskyj, Poet, Schriftsteller, Übersetzer, Philologe: „Vor dem Erlangen der Unabhängigkeit war die wahre Ukraine nicht in der Ukraine, sondern außerhalb des Landes, in verschiedenen Institutionen für den Wiederaufbau, in der Kirche. Was die höchste Ebene betrifft, so versammelten sich an der UFU, wo auch die ukrainische Sprache rein und unverdorben war, wahre ukrainische Wissenschaftler, wahre wissenschaftliche Kräfte, die alles Mögliche taten, um die Ukraine für die Ukrainer zu erhalten. Heute wird die UFU mehr denn je gebraucht, denn die Ukraine existiert wieder nicht mehr.“ 

Jevhen Sverstiuk, Doktor der Philosophie, Schriftsteller, Publizist, Dissident: „Anfang der 90er wurde ich an die UFU eingeladen, und unterrichtete zwei Semester lang einen Kurs über die christliche Tradition in der ukrainischen Literatur. Und das in den Zeiten, als man in der Ukraine glaubte, unsere Literatur sei materialistisch und atheistisch. In der UFU fühlte man immer den Geist der Freiheit, vor allem im Vergleich mit der Ukraine. Und das fiel auf. Jahrzehnte lang war sie das unauslöschliche Licht der Freiheit, des freien Denkens, der freien Wissenschaft, und in der UdSSR musste man sie berücksichtigen und reagieren, denn sie zu verschweigen war unmöglich.“ 

Sehij Kvit, Vorsitzender der ukrainischen Akademie der Wissenschaften (2007 — 2014), Bildungsminister der Ukraine (2014 — 2016), Literaturwissenschaftler, Journalist: „Ich studierte an der UFU in den 90er. Dies waren für mich unvergessliche und wichtige Zeiten. Wir wurden von Professoren aus verschiedenen Universitäten der Welt gelehrt: Aus Deutschland, den USA, Frankreich, Kanada, Großbritannien und natürlich aus der Ukraine. Sie vertraten verschiedene wissenschaftliche Schulen, verschiedene methodologische Ansätze, aber das Niveau des Unterrichts war immer sehr hoch. Unter den Deutschen schätze ich Prof. Roland Pietsch sehr, dank dem ich für mich Heidegger und die philosophische Hermeneutik entdeckt habe. Das kann seltsam klingen, aber ich war immer anwesend, weil ich diese unglaubliche Erfahrung sehr geschätzt habe. Sie war für mich übrigens hier an der Kyjiv-Mohyla Akademie sehr nützlich. Alles dort war anders als der sowjetischer Stil.“ 

Geschichte mit Fortsetzung

Die hundertjährige Geschichte der Ukrainischen Freien Universität dauert auch heute an. 75 Jahre davon sind die Münchner Periode. Laut der aktuellen Rektorin der UFU, Prof. Dr. Maria Pryshlak, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Universität heute der Aufbau einer effektiven Informationsbrücke zwischen Deutschland und der Ukraine. Sie ist überzeugt, dass dies in unseren Zeiten von größter Bedeutung ist. Deutschland ist ein führendes europäisches Land, dessen Politik einen großen Einfluss auf die Politik der Europäischen Union hat und haben wird, insbesondere in Fragen des Widerstands gegen die aggressive Politik Russlands. „Wir sehen uns als eine Institution, die in die deutsche akademische, politische und wirtschaftliche Gemeinschaft integriert ist, als eine europäische Universität mit einem eigenen einzigartigen Profil, aber auch als ein Zentrum der richtungweisenden wissenschaftlichen Studien“ — unterstrich die Rektorin in einem Interview.

Also spielt die Ukrainische Freie Universität in München metaphorisch gesprochen die Rolle des Botschafters der Ukraine im Westen. Außerdem bleibt sie eine wissenschaftliche und Bildungsbrücke zwischen unserem Land und dem ukrainischen Ausland. Alleine durch das gemeinsame Studium von jungen Leuten aus der Ukraine und aus unserer Diaspora.

Dies alles setzt entsprechende Ausgaben voraus. In diesem Bereich kann sich die UFU keinen Luxus leisten. Wegen finanzieller Schwierigkeiten musste die Universität 2008 ihr ehemaliges Gebäude in der teuersten Gegend Münchens verkaufen und in bescheidenere Räumlichkeiten einziehen. Die daraus entstandenen Einnahmen nutzte sie, um ein eigenes Fonds zu gründen, und jetzt finanziert die UFU ihre Aktivität aus den Zinsen.

Doch auch die ukrainische Diaspora vergisst die Universität nicht, wovon auch die Nachricht über die Jahresversammlung der Stiftung der UFU zeugt. Aufgrund der COVID-19-Pandemie wurde die Jahresversammlung als Telekonferenz abgehalten, doch die Beschlüsse sind sehr wohl gültig. Die Teilnehmer wurden insbesondere darüber informiert, dass im Laufe des letzten akademischen Jahres an der UFU 54 Kurse für 241 Studierende abgehalten wurden, die an folgenden Fakultäten immatrikuliert sind: 122 an der Fakultät für Staats- und Wirtschaftswissenschaften, 85 an der Philosophischen Fakultät und 34 an der Fakultät für Ukrainistik. Fast alle Studierende kommen aus der Ukraine: aus dem Osten, dem Westen und aus der Krim. Darunter viel mehr Frauen als Männer. Außerdem wurden bei der UFU zahlreiche wissenschaftliche Events, Vorträge, Literaturabende, Treffen, Konzerte und Ausstellungen durchgeführt. Insgesamt übergab die Stiftung der UFU 140,000 USD im Laufe des letzten Jahres. 

...Als ich seinerzeit nach München kam, konnte ich nicht anders, als die Ukrainische Freie Universität zu besuchen. An Eindrücken hat es nicht gemangelt. Einen der Größten hinterließ die Bibliothek der UFU. Mir wurde erzählt, dass sie über dreißig Tausend Bücher zählt. Mich beeindruckte nicht nur die Zahl, sondern vor allem die Tatsache, dass es hauptsächlich Bücher über die Ukraine in verschiedenen Perioden ihrer Geschichte und ihres geistigen Lebens sind. Darüber hinaus ist der Großteil von denen Publikationen, die es in den ukrainischen Bibliotheken in den sowjetischen Zeiten nicht gab und nicht geben konnte. Und diese hundertjährige Büchersammlung (eine der größten ukrainischen Bibliotheken außerhalb der Ukraine) und die gesamte Tätigkeit der Ukrainischen Freien Universität gehören meiner Meinung nach zu einzigartigen Ereignissen in der Geschichte der Ukraine, die wir nicht übersehen dürfen und auf die wir mit gutem Recht stolz sein sollen.

Von Mykhailo Soroka, 

Original vom 14.04.2020 auf Ukrainisch auf der Website der Ukrinform

Übersetzt von Khrystyna Freyer

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